Neurodiversität im Berufsleben – Perspektiven, die im Lehrbuch fehlen
- Clara Chill

- 14. Feb.
- 2 Min. Lesezeit
Feinabstimmung, statt Schubladendenken

Gerade die Kombination aus Autismus und ADHS – oft auch als AuDHD bezeichnet (aus dem Englischen: Autism and ADHD) – zeigt, wie vielschichtig Neurodivergenz sein kann. Wenn zusätzlich Hochsensibilität als Persönlichkeitsmerkmal wirkt, entstehen sehr individuelle Konstellationen, die sich nicht in einfache Kategorien einordnen lassen.
Diese Ausprägungen sehen selten so aus wie im Lehrbuch. Diagnostische Systeme arbeiten mit klar definierten Kriterien – komplexe Überschneidungen, Masking und erlernte Kompensationsstrategien lassen sich darin nicht wirklich abbilden. Für viele Betroffene bedeutet das lange Irrwege, Selbstzweifel und wiederholte Fehleinschätzungen.
Gerade Frauen (aber auch Männer) mit ADHS entwickeln früh Strategien, um „zu funktionieren“. Das führt häufig dazu, dass sie spät diagnostiziert werden oder zunächst andere Zuschreibungen erhalten.¹ Auch im Autismus-Spektrum wird zunehmend sichtbar, wie viele Frauen aufgrund subtilerer oder stärker angepasster Ausprägungen lange unerkannt bleiben.²
Gleichzeitig verändert sich die Forschungslage: Studien zeigen, dass die ADHS-Diagnosen bei erwachsenen Frauen in den letzten Jahren deutlich zugenommen haben.³ Auch das Geschlechterverhältnis bei Autismusdiagnosen verschiebt sich – die diagnostische Lücke zwischen dem männlichen und weiblichen Geschlecht wird kleiner.⁴
Was bedeutet AuDHD?
Der Begriff beschreibt das gleichzeitige Vorliegen von Autismus und ADHS (aus dem Englischen: Autism and ADHD). Damit liegt ein eigenes neurobiologisches Profil vor – mit spezifischen Spannungsfeldern, besonderen Wahrnehmungsqualitäten und oft einer ausgeprägten kreativen und analytischen Denkweise.
Und genau hier wird es auch beruflich relevant.
Wenn Nervensysteme unterschiedlich arbeiten, braucht es andere Formen von Selbstführung, Kommunikation und Struktur. Es braucht Arbeitsumfelder, die Vielfalt nicht nur benennen, sondern verstehen.
In meiner Arbeit begegnen mir immer wieder Menschen, die lange versucht haben, in ein Bild zu passen, das nie wirklich ihres war. Oft beginnt Veränderung nicht mit einer Diagnose, sondern mit einem neuen Verständnis: für das eigene Nervensystem, die eigenen Bedürfnisse und die eigene Art, in der Welt zu sein. Und genau da liegt für mich der Kern von Neurodiversität – nicht im Label, sondern im Verstehen.
Weiterführende Infos:
¹ Studien zeigen, dass Frauen ADHS in der Regel erst später diagnostiziert werden als Männer, weil typische Symptome bei Mädchen und Frauen oft weniger auffällig sind und deshalb leichter übersehen werden. (Quelle: Link)
² Der Artikel erklärt, dass Autismus bei Frauen oft später oder gar nicht erkannt wird, weil Diagnoseverfahren lange auf männlichen Symptomen basieren. Frauen zeigen häufig andere oder subtilere Merkmale, können ihr Verhalten besser anpassen und fallen deshalb weniger auf. (Quelle: Link)
³ In Deutschland ist die Zahl der Neudiagnosen bei Erwachsenen zwischen 2015 und 2024 um etwa 199 % gestiegen – nach Angaben einer Studie, die im Deutschen Ärzteblatt International veröffentlicht wurde. Besonders stark nahm der Anstieg in den letzten Jahren zu. (Quelle: Link)
⁴ Eine große schwedische Studie zeigt, dass Autismus bei Mädchen und Jungen vermutlich ähnlich häufig vorkommt. Jungen werden aber meist früher diagnostiziert, während Mädchen oft erst in der Jugend „aufholen“, weshalb der Unterschied bisher überschätzt wurde. Das deutet darauf hin, dass viele Mädchen früher übersehen werden und Diagnosen stärker hinterfragt werden sollten. (Quelle: Link)



